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Longevity – und was die Stille schon lange weiß

Es gibt Worte, die plötzlich überall sind. Longevity ist so ein Wort. 

Auf Kongressen, in Podcasts, auf den Titeln von Zeitschriften – überall wird über die Kunst des langen Lebens gesprochen. Über Zellen und Botenstoffe, über Bluttests und Nahrungsergänzung, über das biologische Alter, das angeblich niedriger sein soll als das im Pass.

Es ist ein leises Lächeln wert, dass die moderne Wissenschaft heute mit großem Aufwand nach etwas sucht, das an einem Ort wie diesem seit Jahrhunderten selbstverständlich ist. Denn wenn man genau hinhört, erzählt die Longevity-Forschung im Grunde eine sehr alte Geschichte. Sie handelt von Maß, von Verzicht, von Gemeinschaft und von der Fähigkeit, still zu werden.
 

Der Körper, der sich selbst erneuert

Der Körper, der sich selbst erneuert

Am Anfang steht eine Erkenntnis, die auf den ersten Blick paradox wirkt: Der Körper profitiert davon, wenn wir ihm hin und wieder etwas vorenthalten. Nicht dauerhaft, nicht als Askese um ihrer selbst willen – sondern als bewusst gesetzter, wohldosierter Reiz.

Die Forschung spricht hier von Autophagie, einem Selbstreinigungsprogramm der Zelle. Wenn dem Körper für eine Weile keine Nahrung zugeführt wird, beginnt er, beschädigte und fehlerhafte Zellbestandteile abzubauen, zu recyceln und zu erneuern. Ein Aufräumen von innen. Studien deuten darauf hin, dass gerade zeitlich begrenzte Fastenphasen diesen Reiz zuverlässiger auslösen als eine dauerhafte, gleichmäßige Reduktion der Nahrungsmenge – der Stoffwechsel gewöhnt sich an Letztere, auf das wiederkehrende Fasten aber reagiert er jedes Mal aufs Neue.

Es ist derselbe Gedanke, der dem Fasten seit jeher innewohnt: Es geht nicht darum, dem Körper etwas zu nehmen. Es geht darum, ihm Raum zu geben. Raum, sich zu ordnen. Raum, zur Ruhe zu kommen.
 

Wellness longevity and Holistic Concept. health care, including mental wellbeing, fitness, nutrition, sleep, relationships and financial balance, Personal development and balance von rawin von rawintanpin's Images - CANVA

The word healthy spelled out in scrabble letters von Markus Winkler von Pexels - CANVA

Die Landkarte des langen Lebens

Besonders eindrücklich wird das, wenn man dorthin schaut, wo Menschen ohne jedes Programm besonders alt und dabei gesund werden. Der Forscher Dan Buettner hat solche Regionen „Blue Zones" genannt – das japanische Okinawa, das sardische Bergland, die Halbinsel Nicoya in Costa Rica und einige andere.

Man würde erwarten, dort ein Geheimnis zu finden. Eine besondere Pflanze, ein verborgenes Elixier. Doch was die Forschung fand, war von entwaffnender Schlichtheit. Die Menschen dort essen überwiegend pflanzlich, saisonal, das, was in ihrer Umgebung wächst. Sie hören auf zu essen, bevor sie ganz satt sind – auf Okinawa gibt es dafür ein eigenes Wort, das ungefähr bedeutet: bis der Magen zu vier Fünfteln gefüllt ist. Sie bewegen sich, ohne es Sport zu nennen: zu Fuß, im Garten, im Alltag.

Und doch – das ist vielleicht das Bemerkenswerteste – erklärt die Ernährung allein die Sache nicht. Schätzungen zufolge liegt der Anteil der Gene an einem langen Leben nur bei etwa zwanzig bis dreißig Prozent. Der weitaus größere Teil hängt an dem, wie wir leben. Und dieses „Wie" hat viel mit etwas zu tun, das sich schwerer messen lässt als ein Cholesterinwert.
 

Longevity - Woman in White Knit Sweater Smiling in Front of the Mirror von Anna Shvets von Pexels - CANVA

Was sich nicht messen lässt

Denn in allen Blue Zones findet sich dasselbe unsichtbare Fundament: Menschen, die eingebunden sind. Die zu einer Gemeinschaft gehören. Die feste Beziehungen pflegen, oft ein Leben lang. Die wissen, wofür sie morgens aufstehen – die Japaner nennen es Ikigai, die Menschen in Nicoya plan de vida, den Plan des Lebens.

Und sie kennen die Stille. Den Rückzug. Das Innehalten. Ob als Gebet, als Spaziergang in der Natur oder als bewusste Pause im Tag – die langlebigsten Menschen der Welt haben Wege gefunden, den Stress abzustreifen und wieder ganz bei sich anzukommen. Große Langzeituntersuchungen bestätigen inzwischen, was diese Orte längst leben: Verbundenheit und ein Gefühl von Sinn wirken auf die Gesundheit nicht weniger stark als das, was auf dem Teller liegt.

Man könnte es so sagen: Longevity ist kein Sprint und kein Projekt der Selbstoptimierung. Es ist eine Art zu leben – langsam, verbunden, sinnerfüllt.
 

Was wir wirklich verpassen

Und genau hier schließt sich der Kreis. Denn all das, wonach die Longevity-Bewegung heute so eifrig sucht, ist die Grundmelodie dieses Ortes.

Das Fasten, das den Körper zur inneren Ordnung einlädt. Die einfache, klare Küche. Die Bewegung durch die weiten Wälder des Waldviertels, ganz ohne Trainingsplan. Die Gemeinschaft der Menschen, die für eine Weile denselben Weg gehen. Und über allem jene Stille, die das Kloster seit jeher trägt – nicht als Leere, sondern als Fülle.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der neuen Wissenschaft vom langen Leben: dass wir das Ferne gar nicht suchen müssen. Dass ein gutes, langes Leben weniger eine Frage der Ergänzungsmittel ist als eine Frage der Haltung. Weniger, dafür bewusster. Langsamer, dafür tiefer.

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Jahre zu geben. Sondern den Jahren mehr Leben.

Und dafür braucht es keine Formel. Manchmal genügt es, für ein paar Tage anzuhalten. Zu fasten, zu gehen, zu schweigen – und wieder zu spüren, wie sich ein Leben anfühlt, das nicht getrieben ist.

Die Stille wusste es die ganze Zeit.
 

Grandmother with her daughter and granddaughter at home in the kitchen von Zinkevych von Getty Images - CANVA

Autor: Maximilian Hübl - Direktor im Kloster Pernegg 

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