Immer dabei, nirgends wirklich da

Über FOMO – und warum das, was wir verpassen, längst etwas anderes ist, als wir denken

Es ist kurz nach Mitternacht. Das Handy liegt auf dem Nachttisch, das Licht ist aus, der Tag eigentlich vorbei. Eigentlich. Noch ein letzter Blick. Noch ein Scrollen. Noch eine Story, noch eine E-Mail, noch einmal Scrollen in WhatsApp – nicht, weil dort etwas Wichtiges steht, sondern weil dort etwas Wichtiges stehen könnte.

Wer dieses Bild kennt, kennt FOMO. Die Fear of Missing Out ist längst kein Teenager-Phänomen mehr und kein Modewort aus den sozialen Medien. Sie ist zum Grundrauschen unseres Alltags geworden – leise, dauerhaft, kaum noch spürbar, weil sie immer da ist.

Privat: das Leben der anderen, in Echtzeit

FOMO im Privaten ist erstaunlich subtil. Sie zeigt sich nicht im großen Drama, sondern in den kleinen Momenten: im Reflex, das Handy in die Hand zu nehmen, sobald eine Sekunde Stille entsteht. In der leisen Unruhe, wenn Freunde ohne uns essen waren. In der Liste von Reisezielen, Restaurants, Yogastudios und Büchern, die wir „auch noch unbedingt“ machen müssten.

Wir sehen das beste Wochenende, das beste Frühstück, das beste Familienleben von zweihundert Menschen gleichzeitig – und vergleichen es mit unserem eigenen Alltag. Das Ergebnis ist nicht Inspiration, sondern eine diffuse Unzufriedenheit, deren Ursache wir oft gar nicht mehr benennen können.

Wir sagen „ja“ zu Einladungen, die wir nicht wollen, weil wir nichts verpassen möchten. Und wir sind „dabei“, ohne wirklich da zu sein.

Beruflich: die Angst, abgehängt zu werden

Im Berufsleben trägt FOMO seltener einen Namen, aber sie wirkt umso stärker. Sie ist der Grund, warum die Mail um 22:47 Uhr noch beantwortet wird. Warum wir im Urlaub den Laptop einpacken, „nur für den Notfall“. Warum wir in Meetings sitzen, in denen wir nichts beitragen, aber bei denen wir „dabei sein“ sollten. Warum LinkedIn um sechs Uhr morgens geöffnet wird – nicht aus Neugier, sondern aus einer leisen Sorge: Wer ist gerade befördert worden? Wer hat den Job gewechselt? Wer ist plötzlich weiter als ich?

Beruflich heißt FOMO: lieber überall halb da sein als irgendwo ganz. Lieber zehn Themen oberflächlich verfolgen als eines wirklich durchdringen. Lieber erreichbar als bei sich.

Das Paradoxe daran: Genau diese Haltung ist es, die uns mittelmäßig macht. Tiefe entsteht nicht im Modus der ständigen Verfügbarkeit. Gute Entscheidungen entstehen nicht im Reflex. Kreativität braucht Leere – und Leere ist genau das, was FOMO uns nimmt.

Was wir wirklich verpassen

Vielleicht ist die ehrlichste Frage diese: Was verpassen wir eigentlich, während wir so panisch versuchen, nichts zu verpassen?

Die Antwort ist unbequem. Wir verpassen den Abend mit unseren Kindern, weil wir noch „kurz“ ins Postfach schauen. Wir verpassen das Gespräch am Tisch, weil wir parallel auf das Display starren. Wir verpassen das Gefühl, das man hat, wenn man eine halbe Stunde lang nichts tut – außer atmen. Wir verpassen uns selbst.

Und wir verpassen die Erkenntnis, dass das meiste, was uns „dringend“ erscheint, in Wahrheit nur laut ist.

Eine andere Erfahrung: Stille als Korrektiv

Es gibt einen Moment, der fast jeden Gast überrascht, der zum ersten Mal nach Kloster Pernegg kommt. Es ist der Moment, in dem das Handy stumm bleibt – nicht, weil man es weggesperrt hat, sondern weil es niemandem mehr fehlt. Nach zwei Tagen. Spätestens nach drei.

Was hier passiert, ist keine Flucht aus der Welt. Es ist eine Korrektur des inneren Maßstabs. Das alte Klostergemäuer im Waldviertel, der Rhythmus von Fasten und Bewegung, die Landschaft, die nichts von einem will – all das stellt das wieder her, was im Alltag verlorengeht: die Fähigkeit, im Moment zu sein. Ohne zu vergleichen. Ohne zu scrollen. Ohne die Sorge, dass woanders gerade das richtige Leben stattfindet.

Wir im Kloster Pernegg nennen das JOMO – die Joy of Missing Out. Die Freude, nicht überall dabei zu sein. Die Erleichterung, einmal nur an einem Ort zu sein, nur in einem Gespräch, nur in einem Atemzug.

Das Kloster Pernegg ist keine Lösung für FOMO. Es ist eher das Gegenteil: ein Ort, an dem die Frage gar nicht mehr gestellt wird. Weil es nichts zu verpassen gibt – außer sich selbst, falls man nicht hinhört.

Eine Einladung

Vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, diesen Artikel zu Ende zu lesen, das Handy umzudrehen und sich eine Frage zu stellen: Wann war ich das letzte Mal wirklich da, wo ich war?

Falls die Antwort länger als ein paar Sekunden braucht, ist sie schon eine.

Gönnen Sie sich ein paar Tage, in denen es nichts zu verpassen gibt. Entdecken Sie unsere Fasten- und Auszeit-Programme im Kloster Pernegg – und buchen Sie Ihren Aufenthalt jetzt direkt unter www.klosterpernegg.at.

Wer einmal hier war, weiß: Das Leben findet nicht woanders statt. Es findet hier statt – sobald man wieder hinhört.

Unsere Angebote

Autor: Maximilian Hübl - Direktor im Kloster Pernegg 

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